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Kristallisation (Polymer)
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Die Kristallisation von Polymeren ist bei einigen thermoplastischen Kunststoffen zu beobachten. WĂ€hrend vernetzte Polymere (Duromere, duroplastische Elastomere) immer eine amorphe Struktur aufweisen, können sich in thermoplastischen Polymeren Kristalle bilden. In den meisten FĂ€llen liegen Bereiche mit kristalliner und Bereiche mit amorpher Struktur nebeneinander vor, man spricht dann von teilkristallinen Kunststoffen. Ausgehend von Kristallisationskeimen lagern sich die MolekĂŒlketten faltenförmig aneinander und bilden sogenannte Lamellen, welche durch amorphe Bereiche getrennt sind. Die Lamellen bilden Ăberstrukturen wie z. B. SphĂ€rolithe. Neben dem Erstarrenlassen der Schmelze kann eine Kristallisation auch aus einer ĂŒbersĂ€ttigten Lösung erfolgen.
Die Kristallitbildung ist abhĂ€ngig von den AbkĂŒhlbedingungen, den Additiven und FĂŒllstoffen im Polymer sowie den Strömungsbedingungen wĂ€hrend des Erstarrens. Auch eine nachtrĂ€gliche Verstreckung verĂ€ndert die Anordnung der MolekĂŒle und damit die Eigenschaften des Materials.
Die Kristallisation hat erheblichen Einfluss auf die optischen, mechanischen, thermischen und chemischen Eigenschaften des Polymers und seine Verarbeitung.
Die Kristallisation im Kunststoff erhöht dessen Dichte, GlasĂŒbergangstemperatur, Schmelztemperatur und Festigkeit. Dadurch verbessern sich auch die DimensionsstabilitĂ€t und der Widerstand gegen mechanischen VerschleiĂ. Gleichzeitig verringern sich der WĂ€rmeausdehnungskoeffizient und das Eindringvermögen von FlĂŒssigkeiten und Gasen. Diese Eigenschaften erweitern die Anwendungsgebiete der teilkristallinen Polymere. Der Kristallisationsgrad ist durch verschiedene analytische Methoden messbar. Die Eigenschaften werden jedoch nicht nur vom Kristallisationsgrad, sondern auch von der GröĂe der Struktureinheiten oder der MolekĂŒlorientierung bestimmt.
Contents
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Einzelnachweise
âą Weblinks
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Kristallisationsmechanismen
Nach wie vor sind viele PhĂ€nomene rund um die Kristallisation von polymeren Werkstoffen nicht endgĂŒltig verstanden oder gar nachgewiesen. Verschiedene Modelle wurden durch experimentelle Befunde gestĂŒtzt und haben sich durchgesetzt:cite-ref-bonnet-1-0[1]
Kristallitbildung beim Erstarren aus der Schmelze
Polymere sind aus sehr langen MolekĂŒlketten aufgebaut. Thermoplastische Polymere zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich bei Temperaturerhöhung stark erweichen und schlieĂlich flieĂfĂ€hig werden. Falls kristalline Bereiche vorliegen, schmelzen diese. In der Schmelze sind die MolekĂŒlketten dann unregelmĂ€Ăig in Form von KnĂ€ueln angeordnet (Abb. 1), die einander vielfĂ€ltig durchdringen (Verschlaufung). Bei vielen thermoplastischen Polymeren bleibt diese Unordnung bei der AbkĂŒhlung als amorphe Struktur im erstarrten Festkörper erhalten.cite-ref-ehrenstein-2-0[2]
KĂŒhlt man hingegen die Schmelze eines teilkristallinen Polymers (eine Untergruppe der Thermoplaste) ab, so bewegen sich die Ketten immer weniger und beginnen sich regelmĂ€Ăig anzuordnen (Kristallisation). Es kommt zu einer Ausbildung von OrdnungszustĂ€nden (âKristallitenâ) mit einer typischen GröĂe von 15â100 nm.cite-ref-ehrenstein-2-1[2]
Bei der Kristallisation von Polymeren lagern sich Abschnitte der MolekĂŒlketten parallel aneinander. Energetisch am gĂŒnstigsten wĂ€re, wenn die MolekĂŒle ĂŒber die gesamte LĂ€nge der MolekĂŒlkette parallel angeordnet wĂ€ren. Da die MolekĂŒlketten in der Schmelze jedoch als wirre, miteinander verschlungene KnĂ€uel vorliegen, ist diese Ordnung in der RealitĂ€t nicht oder nur unter sehr hohem Druck erreichbar. Es bilden sich daher Kristallite aus gefalteten MolekĂŒlketten (Abb. 1), welche die Grundstrukturen gröĂerer Struktureinheiten wie z. B. Lamellenstrukturen bilden.cite-ref-ehrenstein-2-2[2] Die Ordnung ist dabei nicht als vollstĂ€ndig anzusehen. Es können sich an den Faltungsbögen z. B. kleinere oder gröĂere Schlaufen bilden. Auch die Kettenenden können ungeordnet vorliegen. Daneben ist es ĂŒblich, dass eine MolekĂŒlkette einen Kristallit verlĂ€sst und in einen anderen wieder einmĂŒndet. Jeder Kristallit besteht daher aus geordneten (kristallinen) und ungeordneten (amorphen) Teilbereichen.cite-ref-ehrenstein-2-3[2] Dieses ist auch der Grund, dass selbst in dem Fall, dass das Polymer makroskopisch keine amorphen Bereiche aufweist, ein Polymer-Werkstoff nur als teilkristallin bezeichnet werden kann.
Bislang konnten weder verknĂ€ulte MolekĂŒle in der Lösung oder Schmelze noch gefaltete MolekĂŒlketten im festen Polyethylen direkt sichtbar gemacht und fotografisch dokumentiert werden. FĂŒr die Richtigkeit des Faltenmodells bei aus der Schmelze erstarrtem Polyethylen gibt es jedoch einen zwingenden Nachweis, indem es gelang, die Lamellen mechanisch durch einen OberflĂ€chenabriss von einer durch langsame AbkĂŒhlung aus der Schmelze erstarrten massiven Probe von Niederdruck-Polyethylen (PEHD) mit einer mittleren Molmasse von M = 100 kg/mol zu trennen, im Transmissionselektronenmikroskop sichtbar zu machen und fotografisch zu dokumentieren. Damit ist bewiesen, dass die Bindung zwischen den Lamellen kleiner ist als die Bindung zwischen den Kohlenstoffatomen der MolekĂŒlkette im Innern der Lamellen. Die LĂ€nge der MolekĂŒle ist dabei um ein Vielfaches gröĂer als die Dicke der Lamellen. Dies entspricht völlig der ErklĂ€rung des BegrĂŒnders des Faltungsmodells, A. Keller: âWenn die Lamellen isolierte Einzelobjekte sind, wie nach der Kristallisation aus der Lösung, und die Ketten senkrecht oder unter einem groĂen Winkel zur GrundflĂ€che angeordnet sind, dann ist die Faltung eine direkte Notwendigkeit, da die Ketten nicht anderswo hin gehen können. Dies war die ursprĂŒngliche Basis des Kettenfaltungspostulats von 1957 und diese bleibt jetzt genau so wahr wie sie damals war.âcite-ref-3[3]
Ob Kunststoffe kristallisieren können, hĂ€ngt von ihrem molekularen Aufbau ab. Am besten kristallisieren unverzweigte MolekĂŒlketten mit keinen oder möglichst wenigen, dafĂŒr aber regelmĂ€Ăig angeordneten Seitengruppen. Beispiele fĂŒr teilkristalline Polymere sind lineares Polyethylen (PE), Polytetrafluorethylen (PTFE) oder isotaktisches Polypropylen (PP).cite-ref-ehrenstein-2-4[2]
Beispiel: Beim isotaktischen Polypropylen sind die CH3-Seitengruppen regelmĂ€Ăig alle auf einer Seite der MolekĂŒlkette angeordnet (Abb. 2a). Damit ist es möglich, dass sich zwei derartige Kettenteile nahezu an allen Positionen aneinanderlagern können. Es gibt jedoch auch Polymere, bei denen die Seitengruppen an verschiedenen Seiten der Kette angebracht sind. Kommt noch zusĂ€tzlich eine unregelmĂ€Ăige Abfolge der Seitenketten hinzu (wie z. B. beim ataktischen Polypropylen in Abb. 2b), so kommt es nur dann zu einer Aneinanderlagerung der Ketten, wenn die Abfolge der CH3-Seitengruppen mit der Nachbarkette ĂŒbereinstimmt. Eine Kristallisation wird dadurch deutlich erschwert oder sogar verhindert. Ataktische Polymere kristallisieren nur, wenn die Seitengruppen (Substituenten) sehr klein sind, wie beim Polyvinylfluorid.
Ăhnliche Probleme ergeben sich bei der dichten parallelen Anordnung der Ketten, wenn gröĂere Seitengruppen vorhanden sind. Prinzipiell gilt: je gröĂer die Seitengruppen werden, umso schlechter kristallisiert das Polymer. Duroplaste oder Elastomere können sich aufgrund der Vernetzung der Ketten nicht kristallin anordnen. Auch bei stark verzweigten Polymeren wie Silikonen ist eine parallele Anordnung der Ketten ausgeschlossen.
GrundsĂ€tzlich ist die Konformation der MakromolekĂŒle im Kristall durch zwei Strukturen bestimmt: Beispielsweise liegen in Polyethylen, Polyestern und Polyamiden die MolekĂŒle entsprechend der Bindungswinkel in Zick-Zack-Form vor. In Polyoxymethylen, Polypropylen und isotaktischen Polystyrol haben die MolekĂŒle eine schraubenförmige (helicale) Anordnung. Die MolekĂŒle werden dabei durch zwischenmolekulare KrĂ€fte stabilisiert, die im Falle der helicalen Anordnung auch intramolekular wirken.
Keimbildung
Siehe auch
:
Ostwald-Reifung
Keime (Auch amorphe Keime), können sich bei entsprechender ĂbersĂ€ttigung spontan bilden z. B. infolge der WĂ€rmebewegungen der MolekĂŒle, wobei sich Ketten oder Kettenabschnitte in gĂŒnstigen Positionen zueinander befinden und sich parallel aneinanderlagern (thermische oder homogene Keimbildung).
Ein weiteres Wachstum ist jedoch aus thermodynamischen GrĂŒnden nur dann wahrscheinlich, wenn Keime entstehen, die eine kritische minimale GröĂe (Radius) haben, ansonsten zerfallen die gebildeten Keime aufgrund thermodynamischer InstabilitĂ€t wieder.
HĂ€ufiger als die thermische Keimbildung ist in realen Schmelzen jedoch die Keimbildung aufgrund von Verunreinigungen. Diese wird auch als heterogene Keimbildung bezeichnet. Verarbeitungshilfsmittel, Farbstoffe, FĂŒllstoffe oder natĂŒrlich speziell zugegebene Nukleierungsmittel (Keimbildner) können die Bildung von Keimen extrem vorantreiben. Obwohl es viele Arbeiten zum Thema Nukleierungsmittel gibt, ist deren EffektivitĂ€t weitgehend unverstanden. Nukleierungsmittel, die fĂŒr eine Polymerart einen groĂen Einfluss zeigen, bleiben bei anderen Polymerarten wirkungslos. Viele der bisher bekannten guten Nukleierungsmittel sind Metallsalze organischer SĂ€uren, die bei den Kristallisationstemperaturen des Polymers bereits in kristalliner Form vorliegen.cite-ref-menges2-4-0[4]
Kristallwachstum
Kristallwachstum geschieht durch gefaltete Anlagerung weiterer Polymerkettenabschnitte (siehe vorangegangener Abschnitt Kristallitbildung). Dieses geschieht in einem Temperaturbereich tief genug unterhalb der Schmelztemperatur Tm und oberhalb der GlasĂŒbergangstemperatur Tg. Bei zu hoher Temperatur wĂŒrden die angelagerten Ketten durch thermische Bewegungen wieder abgelöst. Unterhalb der GlasĂŒbergangstemperatur ist die MobilitĂ€t der Ketten zu gering und die Bewegung der MolekĂŒlketten ist eingefroren.cite-ref-becker-6-0[6]
Zwischen den einzelnen, parallel angeordneten Kettenabschnitten wirken zwischenmolekulare KrĂ€fte. Je nach Art der beteiligten Atomarten können dieses Dipolwechselwirkungen oder auch WasserstoffbrĂŒckenbindungen sein. Die GröĂe der KrĂ€fte hĂ€ngt auĂer von der Art der Wechselwirkung auch vom Abstand der parallelen Kettenabschnitte ab und bestimmt die mechanischen und thermischen Eigenschaften des Polymers.cite-ref-wei-bach-7-0[7]
Das Wachstum der kristallinen Bereiche erfolgt bevorzugt in Richtung des gröĂten Temperaturgradienten (Abb. 3). Die SeitenflĂ€chen wirken zwar ebenfalls als Keim fĂŒr die Kristallisation; die Wachstumsgeschwindigkeit ist hier jedoch deutlich geringer. An der Ober- und Unterseite der Kristallite befinden sich die amorph wirkenden Faltungsbögen, so dass in dieser Richtung kein Wachstum stattfinden kann. Durch das gerichtete Wachstum entstehen lange, lamellenartige BĂ€nder mit hoher KristallinitĂ€t, die ausgehend vom Kristallisationskeim wachsen und als Lamellen bezeichnet werden (Abb. 4).cite-ref-menges-5-2[5]
Die Lamellen bilden den Grundbaustein weiterer, gröĂerer kristalliner Ăberstrukturen. Bei weitgehend isotropen, statischen AbkĂŒhlbedingungen bilden sich daraus SphĂ€rolithe (Abb. 4), die aus radialsymmetrisch angeordneten Lamellen bestehen und im Hauptartikel SphĂ€rolith eingehender beschrieben sind.
Liegt hingegen ein starkes TemperaturgefĂ€lle in der Probe vor, so kommt es zu einer weitgehend parallelen Anordnung der Lamellen und damit zu einer gerichteten, als dendritisch bezeichneten Ăberstruktur.cite-ref-iwf-8-0[8] Derartige Strukturen werden z. B. bei Polypropylen in den oberflĂ€chennahen Randzonen beobachtet, wenn die Formtemperatur beim Spritzguss relativ kalt gewĂ€hlt wird.
Bei langsam flieĂenden Polymeren bilden sich bei der AbkĂŒhlung hantelförmige Strukturen aus, die in der Literatur auch als sogenannte Shish-Kebab-Strukturen beschrieben werden.cite-ref-ehrenstein-2-5[2] Der Innere Teil (Seele) besteht aus parallel angeordneten, weitgehend gestreckten Ketten, wĂ€hrend die Hanteln aus gefalteten Lamellen aufgebaut sind.
Bauteile, die sehr schnell abgekĂŒhlt wurden (niedrige Formtemperatur), hatten zu wenig Zeit, um vollstĂ€ndig auszukristallisieren. Hier kann es zu einem spĂ€teren Zeitpunkt (teilweise auch ĂŒber Jahre) zu einer Nachkristallisation kommen. Bei diesem sekundĂ€ren Kristallwachstum Ă€ndern sich die mechanischen Bauteileigenschaften. Da die Ketten im kristallinen Zustand dichter gepackt sind, kommt es auĂerdem zu einer Nachschwindung, d. h. zu einer nachtrĂ€glichen Volumenabnahme. Dieses muss beim Spritzgussprozess berĂŒcksichtigt werden.cite-ref-woebcken-9-0[9]
Zum Teil werden Polymere zusĂ€tzlich lĂ€ngere Zeit knapp unterhalb des Schmelzpunktes gelagert, um so die KristallinitĂ€t zu erhöhen. Dieser als Tempern bezeichnete Prozess erlaubt eine höhere Ausrichtung der Polymerketten und verhindert auĂerdem die anschlieĂende Nachschwindung im Einsatz.
Kristallisation durch Verstreckung
Die Kristallisation, wie oben (Kristallitbildung beim Erstarren aus der Schmelze) beschrieben, ist besonders wichtig beim SpritzgieĂen von Kunststoffbauteilen. Das Polymer kann wĂ€hrend der AbkĂŒhlung meist als ruhende, relaxierte Schmelze angesehen werden.
Andere Bedingungen ergeben sich bei der Extrusion. Dieses Verfahren wird z. B. bei der Herstellung von Chemiefasern und Kunststofffolien eingesetzt. Das Polymer wird durch eine DĂŒse gepresst und die MolekĂŒlketten dabei leicht vororientiert.
Durch eine Nachverstreckung (Anlegen einer Zugspannung) kann die Orientierung der MolekĂŒlketten deutlich erhöht werden. Fasern werden z. B. auf ein Vielfaches ihrer ursprĂŒnglichen LĂ€nge gezogen. Dabei werden die Ketten gereckt und orientiert angeordnet. Dieser Zustand entspricht einer Teilkristallisation, wobei die kristallinen Bereiche zusĂ€tzlich noch gleichgerichtet sind.cite-ref-wei-bach-7-1[7] Die Festigkeit der Faser in LĂ€ngsrichtung wird stark erhöht. Normalerweise erfolgt eine anschlieĂende Temperaturbehandlung unter Spannung (Thermofixieren), um eine höhere Ordnung zu erreichen und Spannungen abzubauen, die zu einer nachtrĂ€glichen Relaxation (Schrumpf) fĂŒhren könnten.cite-ref-ehrenstein-2-7[2]cite-ref-wulfhorst-10-0[10] Die Faser bleibt dadurch formstabiler. Die starke Anisotropie der Faser wird auch in ihren optischen Eigenschaften (Doppelbrechung) messbar.
Eine Festigkeitssteigerung durch nachtrĂ€gliche Verstreckung wird auch beim Prozess des Streck-Blasformens erzeugt. Hier wird der temperierte PET-Rohling (engl. Preform) in einem Umformprozess mit Druckluft bis zur durch die Form vorgegebenen GröĂe aufgeblasen. Anwendungen sind z. B. Benzintanks oder PET-Flaschen.cite-ref-wei-bach-7-2[7] Gleichzeitig kann die GasdurchlĂ€ssigkeit durch die biaxiale (in zwei Richtungen weisende) Verstreckung deutlich verringert werden.cite-ref-thielen-11-0[11]
Durch eine nachtrĂ€gliche Verstreckung können auch an sich amorphe Polymere zu teilkristallinen Materialien umgeformt werden.cite-ref-thielen-11-1[11] Es bilden sich lamellare Kristallstrukturen aus, die infolge der starken Verstreckung keine sphĂ€rolithischen Ăberstrukturen bilden und damit optisch vollstĂ€ndig transparent bleiben.cite-ref-thielen-11-2[11]
Kristallisation aus der Lösung
Polymere können auch aus einer Lösung oder durch Verdampfung eines Lösungsmittels kristallisiert werden. Lösungen unterscheidet man nach dem VerdĂŒnnungsgrad. In verdĂŒnnten Lösungen haben die MolekĂŒlketten keine Verbindung untereinander und liegen als separate PolymerknĂ€uel in der Lösung vor. Wird die Konzentration des Polymers in der Lösung erhöht (konzentrierte Lösung), so durchdringen sich die Ketten gegenseitig immer mehr, und es kommt bei weiterer Reduktion des Lösungsmittels (z. B. durch Verdampfen) zu einer Ordnung der Polymerketten zu Kristalliten.cite-ref-lehmann-12-0[12] Der Vorgang entspricht weitgehend der Kristallisation aus der Schmelze.
Mit Hilfe der hochauflösenden magnetischen Kernspinresonanz wird nur der gelöste Anteil einer ĂŒbersĂ€ttigten Polymer-Lösung erfasst. Damit kann die Abnahme des gelösten Anteils wĂ€hrend der Kristallisation aus der Lösung und daraus die Kristallisationsgeschwindigkeit bestimmt werden.cite-ref-lehmann-12-1[12]
Eine spezielle Form der Kristallisation kann beobachtet werden, wenn einige Milliliter einer heiĂen Lösung von Polyethylen in Xylol (90 °C) auf die OberflĂ€che von Wasser mit der gleichen Temperatur gegossen werden. Es entsteht bei der Verdunstung des Lösungsmittels eine dĂŒnne Haut (etwa 1 Mikrometer dick) mit einem wabenartigen Aufbau. Bei der Betrachtung im Polarisationsmikroskop erkennt man bei gekreuzten Polarisationsfiltern, dass es sich um SphĂ€rolithe mit negativer Doppelbrechung in radialer Richtung handelt. Das bedeutet: Der Brechungsindex ist fĂŒr in radialer Richtung schwingendes Licht kleiner als fĂŒr die tangentiale Schwingungsrichtung. AuĂer dem fĂŒr SphĂ€rolithe charakteristischen Auslöschungskreuz beobachtet man periodische dunkle Ringe als geometrische Orte fĂŒr Stellen, an denen der Beobachter in Richtung der optischen Achse blickt. Die Lamellen, aus denen die SphĂ€rolithe bestehen, sind schraubenartig um den Radius verdreht. Beim ZerreiĂen der Haut kommt es zur faktisch ĂŒbergangslosen Umwandlung der Lamellen in Fasern mit positiver Doppelbrechung.cite-ref-13[13]
KristallinitÀt, KristallinitÀtsgrad, Kristallisationsgrad
| Polymerart | typischer Kristallisationsgrad [ 2 ] |
|---|---|
| Polyamid (PA66 und PA6) | 35âŠ45 % |
| Polyoxymethylen (POM-Homopolymer) | 90 % |
| Polyoxymethylen (POM-Copolymer) | 75 % |
| Polyethylenterephthalat (PET) | 30âŠ40 % |
| Polybutylenterephthalat (PBT) | 40âŠ50 % |
| Polytetrafluorethylen (PTFE) | 60âŠ80 % |
| Polypropylen (PP), isotaktisch | 70âŠ80 % |
| Polypropylen (PP), syndiotaktisch | â 30âŠ40 % |
| Polypropylen (PP), ataktisch | â 0 % |
| Polyethylen hoher Dichte (PE-HD) | 70âŠ80 % |
| Polyethylen niedriger Dichte (PE-LD) | 45âŠ55 % |
Die Begriffe KristallinitÀt, KristallinitÀtsgrad und Kristallisationsgrad werden in der Literatur als Synonyme verwendet und bezeichnen jenen Anteil eines teilkristallinen Feststoffes, der kristallin ist. Bei Polymeren hÀngt der Kristallisationsgrad von der thermischen Vergangenheit des Materials ab.
Typischerweise werden technisch Kristallisationsgrade von 10 bis 80 % realisiert.cite-ref-ehrenstein-2-9[2] Das Erreichen von höheren KristallinitĂ€ten ist nur möglich bei niedermolekularen Materialien und/oder speziell getemperten Proben. Im ersten Fall wird das Material dadurch spröde, im letzten Fall bedeutet die lange Lagerung bei Temperaturen knapp unter dem Schmelzpunkt (Tempern) deutliche Kosten, welche sich nur in SpezialfĂ€llen rechnen. KristallinitĂ€ten unter 10 % fĂŒhren zu einer zu hohen Kriechneigung, wenn die Anwendungstemperatur des Bauteils oberhalb der GlasĂŒbergangstemperatur Tg liegt.
Der Kristallisationsgrad wird in der Regel als Massenbruch oder Molenbruch angegeben. Vereinzelt gibt es auch noch die Angabe einer volumenbezogenen Angabe des Kristallisationsgrades.
Die meisten Auswertungen von Kennzahlen des Kristallisationsgrades fĂŒr teilkristalline Thermoplasten gehen von einem Zweiphasenmodell aus, bei dem es perfekte Kristalle und eindeutige amorphe Bereiche gibt. Die Abweichungen durch Fehlstellen, Ăbergangsbereiche zwischen amorph und kristallin dĂŒrften bis zu einigen Prozent betragen.cite-ref-ehrenstein-2-10[2]
Die gÀngigsten Methoden zur Bestimmung des Kristallisationsgrades bei Polymeren sind die Dichtemessung, DSC, Röntgenbeugung, IR-Spektroskopie oder NMR. Der ermittelte Messwert hÀngt von der verwendeten Messmethode ab.cite-ref-lechner2-14-0[14] Deshalb sollte zusÀtzlich zum Kristallisationsgrad immer die Methode mit angegeben werden.cite-ref-ehrenstein-2-11[2]
Neben den oben genannten integralen Methoden kann die Verteilung von kristallinen und amorphen Bereichen ĂŒber mikroskopische Verfahren (speziell Polarisationsmikroskopie und Transmissionselektronenmikroskopie) visualisiert werden.
Dichtemessungen
Kristalline Bereiche sind im Allgemeinen dichter gepackt als amorphe Bereiche. Daraus resultiert eine höhere Dichte, die sich je nach Material typischerweise um bis zu ca. 15 % unterscheidet (Beispiel Polyamide 6: ϱ ϱ c = 1,235 g c m â â 3 {\displaystyle \varrho _{c}=1{,}235\,\mathrm {g\,cm} ^{-3}} und ϱ ϱ a = 1,084 g c m â â 3 {\displaystyle \varrho _{a}=1{,}084\,\mathrm {g\,cm} ^{-3}} ). Die kristalline Dichte ϱ ϱ c {\displaystyle \varrho _{c}} wird dabei aus dem kristallinen Aufbau berechnet, wĂ€hrend die amorphe Dichte ϱ ϱ a {\displaystyle \varrho _{a}} experimentell an abgeschrecktem, amorphem Material gemessen wird. Das Problem der Dichtemessung zur Bestimmung der Dichte-KristallinitĂ€t ist, dass die Dichte der amorphen Bereiche von den AbkĂŒhlbedingungen abhĂ€ngig ist und in der Probe vorhandene Feuchte den Messwert beeinflussen kann.cite-ref-becker-6-1[6]
Kalorimetrie (DSC)
Beim Schmelzen teilkristalliner Polymere muss zur Umwandlung der festen kristallinen Strukturen in einen amorphen flĂŒssigen Zustand zusĂ€tzliche Energie aufgewendet werden. Der Analytiker spricht hier von einer endothermen EnthalpieĂ€nderung. Der Vorgang erstreckt sich ĂŒber einen gröĂeren Temperaturbereich. ZunĂ€chst schmelzen die kleineren oder weniger regelmĂ€Ăig aufgebauten Kristalle. Mit zunehmender Temperatur schmelzen dann immer dickere und gröĂere Kristallite, bis die gesamte Probe aufgeschmolzen ist.cite-ref-ehrenstein2-15-0[15] Die Schmelzenthalpie (notwendige Energie zum Aufschmelzen der Kristalle) kann mit Hilfe der Dynamische Differenzkalorimetrie (DSC) gemessen werden. Durch den Vergleich mit einem Literaturwert fĂŒr vollstĂ€ndig kristallines Material (Kristallisationsgrad von 100 %) kann der kalorimetrische Kristallisationsgrad der Probe berechnet werden.cite-ref-becker-6-2[6]
Röntgenbeugung
Immer wiederkehrende AtomabstĂ€nde erzeugen Signale bei entsprechenden Winkeln im Diffraktogramm. In amorphen Substanzen sind sehr unterschiedliche AbstĂ€nde zwischen den MolekĂŒlketten vorhanden. Dieses fĂŒhrt zu einer sehr breiten Verteilung im Diagramm in Form einer sehr breiten Glockenkurve (Halo). Die regelmĂ€Ăigen Anordnungen in kristallinen Bereichen erzeugen hingegen sehr viel schmalere Verteilungen in Form von Peaks. In Diffraktogrammen realer Polymere sind Halo als auch Peaks ĂŒberlagert. Durch eine Peakentfaltung können die IntensitĂ€ten der Peaks und des Halos ermittelt und daraus die Röntgen-KristallinitĂ€t berechnet werden.cite-ref-becker-6-3[6]
Infrarotspektroskopie (IR)
In den IR-Spektren findet man bei kristallinen Polymeren zusĂ€tzliche Signale (Banden), die bei amorphen Materialien gleicher Zusammensetzung fehlen. Diese Banden stammen von Deformationsschwingungen die durch die regelmĂ€Ăige Anordnung der MolekĂŒlketten erst ermöglicht werden. Aus der Auswertung dieser Banden kann der Infrarot-Kristallisationsgrad berechnet werden.cite-ref-becker-6-4[6]
Kernresonanzspektroskopie (NMR)
Kristalline und amorphe Bereiche unterscheiden sich in der Protonenbeweglichkeit. Dieses zeigt Auswirkungen in der Linienform im Spektrum. Unter BerĂŒcksichtigung des Strukturmodells können hieraus Aussagen ĂŒber die KristallinitĂ€t getroffen werden.cite-ref-becker-6-5[6]
Eigenschaften teilkristalliner Polymere
| Eigenschaften nehmen zu | Eigenschaften nehmen ab |
|---|---|
| Steifigkeit, Modul | SchlagzÀhigkeit |
| Dichte | Dehnung |
| Streckspannung | Thermische Ausdehnung |
| ChemikalienbestÀndigkeit | PermeabilitÀt |
| Glas- und Schmelztemperatur | Quellungsverhalten |
| Abrasionswiderstand | Mechanische DĂ€mpfung |
| DimensionsstabilitÀt | Kriechneigung |
Das technische Verhalten und die Eigenschaften von Kunststoffen werden durch die chemische Natur der Grundbausteine, der LĂ€nge, aber auch der Anordnung der MakromolekĂŒle bestimmt.cite-ref-michaeli-16-0[16]
Die Kristallisation der MakromolekĂŒle verĂ€ndert die Eigenschaften eines Materials erheblich. Die Eigenschaften eines teilkristallinen Werkstoffes werden sowohl von den kristallinen als auch von den amorphen Bereichen des Polymers bestimmt. Dadurch ist ein gewisser Zusammenhang mit Kompositmaterialien zu sehen, die ebenfalls aus mehreren Substanzen aufgebaut sind. Typische EigenschaftsĂ€nderungen bei Zunahme der Kristallisation sind in der nebenstehenden Tabelle zusammengefasst und werden im Folgenden genauer beschrieben.
Thermische Eigenschaften
Unterhalb ihrer GlasĂŒbergangstemperatur besitzen amorphe Polymerbereiche spröde, hartelastische Eigenschaften. Dieses ist auf die Unbeweglichkeit der eingefrorenen Ketten zurĂŒckzufĂŒhren. Wird die GlasĂŒbergangstemperatur (auch Erweichungstemperatur genannt) ĂŒberschritten, so werden die MolekĂŒlketten gegeneinander beweglich, und es entstehen die typischen gummielastischen Eigenschaften des Kunststoffs. Mit zunehmender Temperatur wird die Beweglichkeit der Ketten immer höher, und das Material somit immer weicher. Der ElastizitĂ€tsmodul nimmt deutlich ab. Bei stĂ€ndiger Krafteinwirkung auf das Bauteil kommt es zu einer viskoelastischen Verformung, d. h. das Polymer beginnt zu kriechen. Eine WĂ€rmeformbestĂ€ndigkeit ist somit fĂŒr amorphe Polymere nur unterhalb der GlasĂŒbergangstemperatur gegeben.cite-ref-nentwig-17-0[17]
Zwischen den Ketten der kristallin angeordneten Bereiche wirken zwischenmolekulare KrĂ€fte, welche die Erweichung verhindern. Oberhalb der GlasĂŒbergangstemperatur ist der ElastizitĂ€tsmodul immer noch relativ hoch. Die Kristallite schmelzen erst bei einer wesentlich höheren Schmelztemperatur unter Zufuhr deutlicher Energiemengen, welche nötig sind um die regelmĂ€Ăige Anordnung der Ketten zu ĂŒberwinden (Schmelzenthalpie). Erst bei diesem Ăbergang zur viskosen Schmelze erfolgt ein starker Abfall des ElastizitĂ€tsmoduls. Teilkristalline Polymere sind damit bei wesentlich höheren Temperaturen einsetzbar, ohne dass das entsprechende Bauteil seine Dimension oder Gestalt verĂ€ndert.cite-ref-ehrenstein-2-12[2]
Bei abgeschreckten (nicht auskondensierten) Materialien kann es zu einer Nachkondensation kommen, die eine Schwindung des Bauteils bewirkt (vgl. Abschnitt Kristallwachstum).
Mechanische Eigenschaften
Die mechanischen Eigenschaften des Polymers setzen sich aus den Eigenschaften der kristallinen und der amorphen Bereiche zusammen. Je höher der Anteil dicht gepackter Kristallite, desto hĂ€rter, allerdings auch spröder, wird das Bauteil. FĂŒr die Herstellung von KunststoffgegenstĂ€nden ist also eine gewisse KristallinitĂ€t durchaus erwĂŒnscht, da diese fĂŒr die StabilitĂ€t des Kunststoffes verantwortlich ist. Die amorphen Bereiche sind hingegen nötig, um den makromolekularen Werkstoffen eine gewisse ElastizitĂ€t und SchlagzĂ€higkeit zu geben.cite-ref-menges-5-3[5]
Kunststoffe sind viskoelastische Stoffe, was bedeutet, dass das Werkstoffverhalten bei Ă€uĂerer Beanspruchung eine Funktion der Zeit ist. Bei konstanter Last nimmt die Deformation mit der Zeit zu (Kriechen, Retardieren). Bei konstanter Verformung nimmt die Spannung mit der Zeit ab (Erholen, Relaxieren). Zur Beschreibung der mechanischen Eigenschaften werden daher normalerweise Spannungs-Dehnungs-Diagramme aufgenommen. Man unterscheidet das Kurzzeitverhalten (z. B. Zugversuch mit typischen Zeiten im Minutenbereich), die stoĂartige Beanspruchung, das Verhalten bei langzeitiger und ruhender Beanspruchung, wie auch die schwingende Beanspruchung.cite-ref-michaeli-16-1[16]
Bei der plastischen Verformung von teilkristallinen Polymeren geht man von einer Orientierung der gefalteten Kristallite und einem âAbspulenâ bzw. Abgleiten vorher gefalteter MolekĂŒlketten aus. Durch das Abspulen der Ketten kommt es im Bereich der Deformationszone zu einer plastischen Verformung in Form einer starken EinschnĂŒrung (engl. Neck fĂŒr Hals) bei gleichzeitiger Ausrichtung der MolekĂŒlketten in Zugrichtung.cite-ref-bonnet-1-1[1] Verstreckte Materialien und damit ausgerichtete MolekĂŒlketten können nur noch sehr wenig gedehnt werden. Diesen Effekt macht man sich z. B. bei synthetischen Fasern zu Nutze. Die zahlreichen in Zugrichtung verlaufenden MolekĂŒlketten verstĂ€rken sich gegenseitig und sorgen fĂŒr eine deutliche erhöhte Festigkeit in Faserrichtung.
Auch die MolekĂŒlmasse (KettenlĂ€nge) hat einen Einfluss auf die Polymereigenschaften. Mit steigender KettenlĂ€nge erhöhen sich die BerĂŒhrungsflĂ€chen, was zu einer Erhöhung der Zugfestigkeit und einer Erhöhung der chemischen BestĂ€ndigkeit fĂŒhrt. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Verschlaufungen zu, was die ZĂ€higkeit bei Raumtemperatur verbessert, aber auch das FlieĂverhalten der Schmelze negativ beeinflusst. Wenn die zwischenmolekularen KrĂ€fte stĂ€rker werden als die Kettenfestigkeit, so nimmt die Zugfestigkeit trotz steigender KettenlĂ€nge nicht mehr zu.cite-ref-wei-bach-7-3[7]
Dichte und PermeabilitÀt
Wird einer Kunststoffschmelze WĂ€rme entzogen, so verringert sich die Beweglichkeit der Ketten. Das Volumen reduziert sich bei amorphen Materialien zuerst weitgehend linear mit der Temperatur. Unterhalb der GlasĂŒbergangstemperatur Tg sind die Ketten unbeweglich. Der WĂ€rmeausdehnungskoeffizient Ă€ndert sich hier, woraus die abweichende Steigung der roten Kurve in Abbildung 7 resultiert.
Bei kristallinen Materialien kommt es unterhalb der Schmelztemperatur Tm zu einer regelmĂ€Ăigen Anordnung der MolekĂŒlketten (Ordnungszustand) und damit zu einer deutlichen Verringerung des Abstands zwischen den Ketten durch zwischenmolekulare KrĂ€fte. Dieses fĂŒhrt zu einer Erhöhung der Dichte bzw. Reduzierung des spezifischen Volumens (hellblaue Kurve in Abbildung 7).cite-ref-johannaber-18-1[18]
Durch die dichtere Packung der Ketten kann Gas schlechter durchgelassen werden, was zu einer Verringerung der PermeabilitĂ€t, oder anders ausgedrĂŒckt, zu einer Erhöhung der Gasdichtheit fĂŒhrt.
Optische Eigenschaften
In der Regel sind teilkristalline Polymere opak, d. h. eingetrĂŒbt. Das liegt an der Lichtbrechung aufgrund der unterschiedlichen Brechungsindices von kristallinen und amorphen Bereichen. Der EintrĂŒbungsgrad nimmt mit der KristallinitĂ€t zucite-ref-menges-5-4[5], hĂ€ngt aber auch von Unterschieden im Brechungsindex ab. So ist z. B. syndiotaktisches Polypropylen fast vollstĂ€ndig durchsichtig, wĂ€hrend isotaktisches Polypropylen mit vergleichbarer KristallinitĂ€t von ca. 50 % stark opak ist. Das lĂ€sst sich durch die unterschiedliche Kristallstruktur dieser beiden Modifikationen erklĂ€ren.
Die nachtrĂ€gliche AnfĂ€rbung erfolgt maĂgeblich ĂŒber die amorphe Phase. Die FarbstoffmolekĂŒle können besser zwischen die MolekĂŒlketten des Polymers dringen. Materialien mit höherem Kristallisationsgrad lassen sich daher schlechter AnfĂ€rben als Materialien mit mehr amorphen Bereichen aber ansonsten gleicher Zusammensetzung.cite-ref-wulfhorst-10-1[10]
Einfluss der Kristallisation auf die Verarbeitungseigenschaften beim Spritzguss
Beim SpritzgieĂen teilkristalliner Thermoplaste muss beachtet werden, dass die durch den Kristallisationsvorgang zusĂ€tzlich freiwerdende WĂ€rme abgefĂŒhrt wird, wodurch sich die Zykluszeit verlĂ€ngert. ZusĂ€tzlich muss die gröĂere VolumenĂ€nderung des Materials (aufgrund der DichteĂ€nderung bei der Kristallisation) durch lĂ€ngere Nachdruckzeiten ausgeglichen werden.cite-ref-johannaber-18-2[18]
Bei teilkristallinen Thermoplasten ist auĂerdem die Schwindung gröĂer als bei amorphen Materialien. Die AbkĂŒhlbedingungen mĂŒssen genau eingehalten werden, da der AbkĂŒhlvorgang den Kristallisationsgrad und damit die Material- und Formteileigenschaften nachhaltig beeinflusst. Sehr schnelles AbkĂŒhlen gestattet es zwar, die Kristallisation weitgehend zu unterdrĂŒcken und eine nahezu amorphe Erstarrung zu erzwingen, allerdings kommt es in diesem Fall mit der Zeit zu einer Nachkristallisation, was eine weitere Schwindung und Verzug bedeutet.cite-ref-johannaber-18-3[18]
Geschichte und weitere Kristallisationsmodelle
1925 fand Hermann Staudinger heraus, dass gewisse chemische Substanzen aus langkettigen MolekĂŒlen bestehen. Röntgenstrukturuntersuchungen zeigten (je nach Material) Beugungsspektren, wie sie fĂŒr Kristalle typisch sind. Genauere Untersuchungen ergaben, dass manche Polymere aus vielen kleinen, kristallinen Strukturen aufgebaut sein mĂŒssen. Mit den aus den röntgenografischen Untersuchungen erhaltenen âGitterkonstantenâ und der bekannten chemischen Zusammensetzung berechnete man die Dichte des Materials. Die berechnete Dichte war jedoch immer höher als die experimentell bestimmte Dichte des Polymers.cite-ref-bonnet-1-2[1]
Daraufhin wurde von Abitz und GerngroĂ das Modell der Fransenmizelle entwickelt (Abb. 6).cite-ref-woebcken-9-1[9] Dabei seien Abschnitte der MolekĂŒlketten parallel zueinander als Kristall angeordnet. Die Zwischenbereiche seien hingegen amorph. Eine MolekĂŒlkette (so die Vorstellung) durchlaufe dabei verschiedene Kristalle. Nachdem 1957 erstmals kleinste polymere Einkristalle hergestellt wurden, zeigte sich, dass das Modell der Fransenmizelle fĂŒr die Beschreibung von Einkristallen nicht aufrechterhalten werden konnte.cite-ref-bonnet-1-3[1] A. Keller postulierte 1957 in der Zeitschrift Nature den Aufbau von Kristalliten in Form der oben beschriebenen gefalteten MolekĂŒlketten (Abb. 3), die von einer Seite der Lamelle zur anderen Seite und wieder zurĂŒck verlaufen.cite-ref-felger-19-0[19]
G. Kanig hat mit der von ihm 1975 entwickelten Kontrastiermethode nicht nur die Lamellenstruktur von Polyethylen elektronenmikroskopisch sichtbar gemacht, sondern konnte auch ihre Entstehung beim AbkĂŒhlen aus der Schmelze, bzw. ihr Aufschmelzen bei ErwĂ€rmung des Materials beobachten.cite-ref-felger-19-1[19]
Siehe auch
Literatur
âą Bernd Tieke: Makromolekulare Chemie. Eine EinfĂŒhrung. Wiley-VCH, Weinheim 2000. ISBN 978-3-527-29364-3.
⹠Georg Menges, Edmund Haberstroh, Walter Michaeli, Ernst Schmachtenberg: Werkstoffkunde Kunststoffe. Hanser Verlag, 2002, ISBN 3-446-21257-4 (EingeschrÀnkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
âą Wolfgang WeiĂbach: Werkstoffkunde und WerkstoffprĂŒfung. Vieweg+Teubner Verlag, 2007, ISBN 3-8348-0295-6 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
âą Friedrich Johannaber, Walter Michaeli: Handbuch SpritzgieĂen. Hanser Verlag, 2004, ISBN 3-446-22966-3 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
⹠G.W. Becker, Ludwig Bottenbruch, Rudolf Binsack, D. Braun: Technische Thermoplaste. 4. Polyamide. Hanser Verlag, 1998, ISBN 3-446-16486-3 (EingeschrÀnkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
⹠Wilbrand Woebcken, Klaus Stoeckhert, H. B. P. Gupta: Kunststoff-Lexikon. Hanser Verlag, 1998, ISBN 3-446-17969-0 (EingeschrÀnkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
âą Michael Dröscher: OrdnungszustĂ€nde in Polymeren. In: Chemie in unserer Zeit. Band 10, Nr. 4, 1976, S. 106â113, doi:10.1002/ciuz.19760100403.
Einzelnachweise
cite-note-bonnet-11. â Martin Bonnet: Kunststoffe in der Ingenieuranwendung: Eigenschaften, Verarbeitung und Praxiseinsatz polymerer Werkstoffe. Vieweg+Teubner Verlag, 2008, ISBN 3-8348-0349-9 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-ehrenstein-22. â Gottfried W. Ehrenstein: Polymer-Werkstoffe. Hanser Fachbuch, 1999, ISBN 3-446-21161-6 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-33. â Andrew Keller: Crystalline Polymers; an Introduction. In: Faraday Discussion of the Royal Society of Chemistry 1979. Band 68. Faraday Division of the Royal Society of Chemistry, London 1979, S. 149 (englisch).
cite-note-menges2-44. â Georg Menges, Edmund Haberstroh, Walter Michaeli, Ernst Schmachtenberg: Werkstoffkunde Kunststoffe. Hanser Verlag, 2002, ISBN 3-446-21257-4 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-menges-55. Georg Menges, Edmund Haberstroh, Walter Michaeli, Ernst Schmachtenberg: Werkstoffkunde Kunststoffe. Hanser Verlag, 2002, ISBN 3-446-21257-4 (EingeschrÀnkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-becker-66. â G.W. Becker, Ludwig Bottenbruch, Rudolf Binsack, D. Braun: Technische Thermoplaste. 4. Polyamide. Hanser Verlag, 1998, ISBN 3-446-16486-3 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-wei-bach-77. â Wolfgang WeiĂbach: Werkstoffkunde und WerkstoffprĂŒfung. Vieweg+Teubner Verlag, 2007, ISBN 3-8348-0295-6 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-iwf-88. â Institut fĂŒr den Wissenschaftlichen Film, Klaus Peter GroĂkurth: Kristallisation von Polypropylen, 1990, doi:10.3203/IWF/C-1699 (Video mit ErklĂ€rungen zur dendritischen Kristallisation von Polypropylen).
cite-note-woebcken-99. â Wilbrand Woebcken, Klaus Stoeckhert, H. B. P. Gupta: Kunststoff-Lexikon. Hanser Verlag, 1998, ISBN 3-446-17969-0 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-wulfhorst-1010. â Burkhard Wulfhorst: Textile Fertigungsverfahren. Hanser Verlag, 1998, ISBN 3-446-19187-9 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-thielen-1111. â Michael Thielen, Klaus Hartwig, Peter Gust: Blasformen von Kunststoffhohlkörpern. Hanser Verlag, 2006, ISBN 3-446-22671-0, (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-1313. â Heinz H. W. PreuĂ: BruchflĂ€chenmorphologie und Charakter des Bruches von PolyĂ€thylenkörpern, Dissertation, Leipzig, 1963.
cite-note-lechner2-1414. â M. D. Lechner, K. Gehrke und E. H. Nordmeier: Makromolekulare Chemie, 4. Auflage, BirkhĂ€user Verlag, S. 355, ISBN 978-3-7643-8890-4.
cite-note-ehrenstein2-1515. â Gottfried W. Ehrenstein, Gabriela Riedel, Pia Trawiel: Praxis der thermischen Analyse von Kunststoffen. Hanser Verlag, 2003, ISBN 3-446-22340-1 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-michaeli-1616. â Walter Michaeli: EinfĂŒhrung in die Kunststoffverarbeitung. Hanser Verlag, 2006, ISBN 3-446-40580-1 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-nentwig-1717. â Joachim Nentwig: Kunststofffolien. Hanser Verlag, 2006, ISBN 3-446-40390-6, (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-johannaber-1818. Friedrich Johannaber, Walter Michaeli: Handbuch SpritzgieĂen. Hanser Verlag, 2004, ISBN 3-446-22966-3 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-felger-1919. â Hans K. Felger, Hermann Amrehn, Alexander von Bassewitz, Gerhard W. Becker: Polyvinylchlorid. Hanser Verlag, 1986, ISBN 3-446-14416-1 (EingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
Weblinks
âą Video: Kristallisation von Polypropylen. Institut fĂŒr den Wissenschaftlichen Film (IWF) 1988, zur VerfĂŒgung gestellt von der Technischen Informationsbibliothek (TIB), doi:10.3203/IWF/C-1699.